Pfeilspitzen

„Wie kann es sein, dass ich davon gar nichts wusste?“

Sie sind keine Indianer. Sie kommen nicht aus Indien und die meisten waren auch noch nie in Indien. Auch „Aborigines“ ist als Bezeichnung kritisch, klingt es doch sehr nach „Abnormals“. „Indigenous“ wollen sie genannt werden, die Ureinwohner von Kanada. In der gemeinsamen Geschichte der Indigenous mit den Europäern spielen letztere eine sehr unrühmliche Rolle, bis auf den heutigen Tag.

Die ersten Siedler aus Europa mögen vielleicht noch mit guten Absichten nach Westkanada gekommen sein. Vor allem aber kamen sie mit Pocken und anderen Krankheiten, die innerhalb weniger Jahre des 19. Jahrhunderts mehr als die Hälfte der Indigenous in der Gegend hinwegrafften. Wer von ihnen die Krankheit überlebte, dem stand eine Hungersnot bevor, da die meisten Jäger tot oder geschwächt waren und die Nahrungsversorgung ausblieb.

Die Siedler jagden und töteten Millionen von Bisons, die Nahrungsgrundlage der Indigenous. Die Bisons starben Anfang des 20. Jahrhunderts aus. Den „Wilden“ wurde ihr Land genommen. Häuptlinge, die sich mit den Siedlern gutstellten, konnten auf eine Karriere hoffen. Die anderen mussten sich mit dem zufrieden geben, was ihnen als Gegenwert angeboten wurde.

Nun zum Thema des Abends: Dem „Wilden“ sollte anschließend der Wilde ausgetrieben werden, er sollte „europäisch“ werden. Den Eltern wurden die Kinder weggenommen und auf „Residential Schools“ geschickt, wo sie englisch sprechen, lesen, schreiben und eiserne Disziplin lernen sollten. Mehr noch als lernen sollten sie aber vergessen: Ihre Sprache, ihre Traditionen, ihre Kultur. Physischer und psychischer Missbrauch waren an der Tagesordnung. Die letzte der Residential Schools wurde in Alberta erst in den 1990er Jahren geschlossen.

Beth Wishhart MacKenzie hat 2012/13 einen Film über Indigenous gedreht, die solche Residential Schools als gebrochene Menschen verlassen haben und nun versuchen, über Gesprächskreise und Betroffenengruppen die Traumata ihrer Vergangenheit zu verarbeiten, um ein gesundes Verhältnis zu ihrer indigenen Kultur und der gegenwärtigen kanadischen Gesellschaft zu erlangen. „Gently Whispering the Circle Back“ ist der Titel des Films, der heute Abend in der Trinity Lutheran Church gezeigt wurde. Charles Wood von der Saddle Lake Cree Nation sprach über seine eigenen Erfahrungen in diesem Aufarbeitungsprozess. Vielen Besuchern war die Funktion der Residential Schools unbekannt: „Wie kann es sein, dass ich davon gar nichts wusste?“, war die entsetzte Frage eines Zuschauers bei der anschließenden Diskussion; er sei doch hier aufgewachsen und zur Schule gegangen, aber das sei nie Thema gewesen …

PS: Bei dem Beitragsbild handelt es sich um Pfeilspitzen, die bei archäologischen Ausgrabungen in Kanada gefunden wurden.

One thought on “„Wie kann es sein, dass ich davon gar nichts wusste?“”

  1. Das ist ja genau so, wie bei den Aboriginies in Australien! Bis her wusste ich nicht, dass es in Kanada ebenfalls so gemacht wurde. Traurig, solches Vorgehen…

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