Der gute Hirte

Predigt zum Hirtensonntag (in Kanada an Laudate) 2015

Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird „eine“ Herde und „ein“ Hirte werden. Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben lasse, dass ich’s wieder nehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich selber lasse es. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wieder zu nehmen. Dies Gebot habe ich empfangen von meinem Vater. (Joh 10,11-18)

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

wenn man das Evangelium von heute liest und schaut, wie es in der Welt heute aussieht, kann man schier verzweifeln! Von einer Herde spricht Jesus, deren Hirte er ist. Ein Stall, in dem seine Herde versammelt ist. Von Schafen, die ihren Hirten kennen und auf ihn hören. Dass es ihm mit diesem Anliegen todernst ist, hat er bewiesen – für seine eine Herde hat er sein Leben gelassen. Und jetzt? Was machen die Schafe, die ihren Schäfer nicht mehr sehen können? Der Hirte hat seine Schafe nicht allein gelassen. Er hat ihnen seinen Geist gegeben, der sie leben lässt, als wäre er sichtbar bei ihnen.

Aber es ist zum Verzweifeln! Wir sehen viele Herden mit vielen Schafen, die in vielen Ställen wohnen. Sie weiden auf verschiedenen Wiesen, getrennt von Mauern, Grenzen, Zäunen aus Stacheldraht. Mit denen wollten sie sich eigentlich vor Wölfen schützen. Manche dieser Grenzen sind durchlässig, durch manche können sich die Schafe untereinander verständigen und sogar gegenseitig besuchen. Andere Grenzen sind so verschlossen, dass man voneinander nichts hört und einander fremd ist. Die eine Herde ist gespalten. Die einen halten die anderen für Wölfe im Schafspelz. Andere laufen anderen Hirten nach. Die einen neiden den anderen das Gras. Das scheint auf deren Seite des Zaunes noch grüner und frischer zu sein. Die anderen trauen sich nicht, aus ihrer Herde auszubrechen, aus Angst vor ihren Mitschafen.

Es ist zum Verzweifeln! Die Schafe, die Jesus bei seinen Worten vor Augen hat, sind allzu menschlich. Menschen und Schafe kann man nicht vergleichen. Ein Schaf lässt sich im 23. Psalm von Stecken und Stab trösten und Mut machen. Ein Mensch erhöht beim Anblick von Stecken und Stab die Rüstungsausgaben und erfindet neue Waffensysteme. Ein Schaf freut sich im 100. Psalm: “Gott hat uns gemacht und nicht wir selbst zu seinem Volk und zu Schafen seiner Herde.” Ein Mensch beschwert sich darüber, dass er als Kind getauft wurde, ohne gefragt zu werden oder meint, jeder solle selbst entscheiden, ob er von Gott geliebt sein möchte oder nicht. Wenn Jesus seine Jünger “wie Schafe unter die Wölfe” schickt, dann gehen sie auch “wie Schafe unter die Wölfe”. Wohin der Hirte schickt, da gehen die Schafe hin. Menschen würden das nicht tun. Sie würden sagen: Lieber Hirte, das geht zu weit, ich suche mir was anderes. Schafe kennen ihren Hirten und ihr Hirte kennt sie. Menschen haben Angst davor gekannt zu werden, sie haben Geheimnisse, sie handeln im Verborgenen, sie mauscheln, sie küngeln und sie reden eher übereinander als miteinander. Ein Hirte, der etwas zu sagen hat, sollte wenigstens nichts über sie zu sagen haben.

Da sind Schafe, da sind Menschen. Menschen sind in diesem Bild Schafe mit Erfahrung – und ohne Vertrauen in ihren Hirten. Schafe stehen für viele Menschen als Sinnbild für Sanftmut, Einfalt und Naivität. Sanftmütig sein, das geht ja noch – aber einfältig und naiv? Wer einfältig und naiv genannt wird, der fühlt sich beleidigt. Auch wer als “Schaf” bezeichnet wird, ist davon meist wenig geschmeichelt. Ich hatte beim Nachdenken über die Predigt überlegt, ob ich euch am Anfang mit “Liebe Schafherde” anreden sollte. So als Gag. Ich hab es dann sein gelassen, weil ich damit niemandem auf den Huf treten wollte.

Kurzum: Das Konzept von Jesus scheint gescheitert. Die Menschen, die sein Wort hören, haben kein Interesse daran, sich selbst als Schafe zu sehen. Außerdem ist sein Bild von Schafen zu positiv. Die meisten Schafe haben kein persönliches Interesse an ihrem Schäfer. Die meisten Schafe kommen zu dem, der mit dem Futtereimer klappert. Das haben Schafe und Menschen gemeinsam – sie streben zum Futter, sie streben zum Glück, sie streben zu den tollsten Versprechen, ohne einen Blick dahinter zu werfen … Politiker machen sich das übrigens im Wahlkampf zunutze.

Aber Jesus spricht von seinen Schafen, die mit ihm verbunden sind. Das sind nicht die meisten, sondern es sind seine. Das sind diejenigen, die ihm vertrauen, weil er sein Leben gegeben hat, um sie vor den Wölfen zu schützen. Er ist auferstanden; die Balken seines Kreuzes sind Stecken und Stab geworden, die seine Herde trösten und ihr Mut machen. Welcher Zaun, welche Grenze, welcher Stacheldraht sollte uns vor Wölfen schützen, wenn er uns nicht einmal vor uns selbst schützt – vor unserer eigenen Angst vor dem Fremden, vor der Welt da draußen?

Die Schafe, deren Hirte sie so sehr liebt, dass er sein Leben für sie gibt. Die Schafe, die den Geist des Hirten haben. Die Schafe, die im Kreuz ihres Hirten Stecken und Stab sehen, mit denen der Hirte sie vor dem Bösen und selbst vor dem Tod beschützt. Die Schafe, deren Hirte auferstanden ist, um unsichtbar bei ihnen zu sein. Diese Schafe sind nicht naiv. Sie sind nicht dumm. Doch sie sind sanftmütig. Sie sind Schafe und sie bleiben Schafe, denn sie sind gerne Schafe; sie haben den einen Hirten, den sie lieben und der sie liebt.

Es ist zum Verzweifeln! Schafe, die nicht nur “einen guten”, sondern den besten Hirten haben, den es geben kann, wollen keine Schafe mehr sein. Im Blöken auf der überfüllten Weide hören sie die Stimme ihres Schäfers nicht mehr. Sie haben Angst vor Wölfen, die längst vertrieben sind. Sie haben Sorge, dass ihre Weide nicht für sie und die anderen ausreicht. Sie haben kein Vertrauen und fühlen sich nicht mehr sicher, sie bauen Zäune, Mauern und Grenzen auf. Die eine Herde wird geteilt und der eine Hirte wird geteilt. Aus Schafen werden Menschen und aus manchen Menschen sind wieder Wölfe – Wölfe innerhalb der Zäune und Grenzen.

In der Kirche geht es darum, die Stimme des Hirten zu hören, sich mit ihr vertraut zu machen, sie wiederzuerkennen und auf sie zu antworten. Unser Hirte kennt uns und er spricht uns an. Er kennt uns und er nennt uns bei unserem Namen und wir sind sein. Er weidet alle seine Schafe auf grüner Aue und führt sie zum frischen Wasser. Sein Stecken und Stab lassen alle Angst überwinden; machen Mauern, Zäune und Grenzen unnütz. Machen Sorgen, Zweifel und Misstrauen unnütz. Schaut nach rechts und nach links, vor euch und hinter euch. Der gute Hirte hat uns gerufen, Teil seiner einen großen Herde zu sein, wo die Schafe auch noch zerstreut oder schon gesammelt sein mögen – in Amerika, in Afrika, in Asien. Seine Herde braucht keine Zäune und keine Grenzen, sondern sie muss offen und zugänglich sein für alle, die er hinzuruft. Mutig und getröstet, weil Stecken und Stab trösten und Mut machen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

One thought on “Predigt zum Hirtensonntag (in Kanada an Laudate) 2015”

  1. Das ist schon seit „Shaun das Schaf“ klar: Scgafe sind die besseren Menschen. So machem Menschen, der kein Schaf mehr sein will, wünschte ich, er würde auf die ein oder andere Weise ins Gras beißen…
    Kam Deine Predigt über Zäune und das sich einander Fremdsein im erzkonservativem Edmonton gut an? Ich hoffe, du hattest den intelligenten Teil der Bevölkerung vor dir. Den Dummen hast du damit wahrscheinlich den Huf regelrecht zermahlen…

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