Nein, das Flugzeug ist nicht abgestürzt und auch der mürrisch-misstrauisch guckende Passkontrolleur hat mir nach gefühlten zehn Minuten zäher Verhandlungen einen Visumstempel in den Pass gedrückt. Wusste er nicht, was ein „theologian“ ist? Erschien es ihm so unglaublich, dass man fast drei Monate freiwillig eine kanadische Kirchengemeinde besuchen würde? Ich hatte ihm mein Handy ausgehändigt, um ihm die Mails zu zeigen, die bestätigen, dass es in Kanada tatsächlich Leute gibt, bei denen ich wohnen kann. Auch nach den Verhandlungen schien er nicht ganz zufrieden zu sein, aber ich hatte den Stempel und konnte mich aus dem Staub machen.
Trotz eines engagierten Sprints durch den Flughafen von Calgary verpasste ich um etwa eine Minute meinen Anschlussflug nach Edmonton. Ebenso sechs andere Deutsche, die mit mir aus dem Flugzeug aus Frankfurt gestiegen und in der Passkontrolle hängen geblieben waren. Wir alle konnten im nächsten Flugzeug untergebracht werden, das eine Stunde später abfliegen sollte. Zunächst musste das zusammengenietete Aluminiumgerümpel mit den beiden Propellern und Platz für ca. 40 Personen enteist werden. Aus zwei Kränen mit Wasserwerfern spritzten neongrüne bis bräunliche Flüssigkeiten auf die Tragflächen. Kurz vor der Landung ein rotglühender Abendhimmel über der Prärie.
Pfarrerin Ingrid holte mich ab und wir warteten eine halbe Stunde vergeblich auf mein Gepäck. Es war in Calgary verblieben, da der verbeulte Aluminiumhaufen sonst wohl den Kampf mit der Schwerkraft verloren hätte. Also tief durchgeatmet, an Sonjas leichtfertig missachteten Rat erinnert Notwäsche und Zahnbürste im Handgepäck mitzunehmen, Formular ausgefüllt und mit dem Geländewagen los zu meiner Gastfamilie. Endlich bei Dale und Ruth angekommen freundlich begrüßt worden, Stew gegessen, noch ein wenig unterhalten (mein toter Punkt war um 21 Uhr [4 Uhr MEZ] bereits überschritten) und schließlich im Gästezimmer ins Bett gefallen.
Mein Gepäck kam am nächsten Morgen um 10 Uhr an. Und ich schließlich auch.