Diorama einer Residential School

Wahrheit, Versöhnung und Schnee

Kanada ist auch heute noch eine Kolonie. Immer noch sind die Kolonialherren an der Macht, der Anteil der indigenen Bevölkerung liegt bei ca. 3% und der Prozess der Versöhnung zwischen ethnischen Ureinwohnern und Immigranten geht nur schleppend voran. Aber er geht voran.

2008 hatte das kanadische Parlament bei den Natives offiziell dafür um Entschuldigung gebeten, dass die Kolonialisierung des Landes so viel Leid und eine weitgehende Vernichtung der ursprünglichen Kultur mit sich gebracht hat. Rund 50% der Obdachlosen in Kanada sind Natives und sie sind die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe des Landes, was unter anderem auf ihre Armut, ihren sozialen Status zurückführbar ist. Viele Bewohner Kanadas wissen von dem Schicksal der Natives wenig oder gar nichts. Über die Residential Schools, von denen ich im vorigen Beitrag geschrieben hatte, ist kaum jemand informiert. In der Schule wird über dieses dunkle Kapitel kanadischer Vergangenheit nicht aufgeklärt und selbst an der Universität nur dann, wenn man entsprechende Fächer studiert und die einschlägigen Kurse besucht.

Auch das Programm des heutigen Tages fand im Rahmen von „Truth and Reconciliation“ statt. Terry LeBlanc, ein Indigenous, unterrichtet „Native Theology“. Gemeint ist damit eine christliche Theologie, die versucht, bestimmte westliche Denkvoraussetzungen abzustreifen und christliche Inhalte über traditionelle Denkweisen der Natives erschließen möchte. Heraus kommt dabei ein „holistischer“ hermeneutischer Zugang, der weniger anthropozentrisch und stattdessen stärker auf die Gesamtheit der Schöpfung bezogen ist, der inkludierend sein will, der offen ist für spirituelle Äußerungen, die aus nichtchristlichem Kontext stammen – eben zum Beispiel von den nordamerikanischen Natives -, der die menschliche Existenz als in die Schöpfung integriert versteht und nicht als über sie herrschend. Die biblische Hermeneutik soll stärker auf das Geschehen und Werden bezogen sein und weniger auf das Sein und Haben und damit auch eher dem hebräischen Sprachgebrauch im AT gerecht werden.

Am Abend gab es dann ein großes Bankett in Trinity Lutheran für alle Freunde des theologischen Seminars in Edmonton. Viele interessante Leute waren da, Theologen, Bischöfe, Studenten und viel gute Laune, die nicht zuletzt auf das phantastische Essen und die kurzweiligen Redebeiträge zurückzuführen war. Terry LeBlanc wies in einem weiteren Vortrag auf die Wichtigkeit des Erzählens der Geschichte der Natives hin. Der Aufarbeitungsprozess steht offensichtlich noch an einem Anfang – aber ich denke, es wird ein vielversprechender Anfang.

Im Schneegestöber ging es anschließend mit dem Allrad-Geländewagen und vielen Gedanken, die mir im Kopf herumschwirrten, nach Hause. Wintereinbruch zum Frühlingsbeginn …

One thought on “Wahrheit, Versöhnung und Schnee”

  1. Zu den letzten Beiträgen fällt mir sofort die derzeitige aufregende und spannende Lesung des Romans von John Williams: „Butcher’s Crossing“ im Kulturradio vom RBB ein (-> http://www.kulturradio.de/zum_nachhoeren/lesung/lesung.html). Sehr lesens- und hörenswert…u.a. geht es um die Ausrottung der letzten Büffel Amerikas und um „männliche“ Abenteurer und Tragödien im einst Wilden Westen…

    Gestern hatte Herr Bach sen. Geburtstag, der 330. immerhin, und so zog es mich nach Leipzig, wo die Thomaner neben einem Motetten-Festkonzert eine riesige Torte spendierten – „Speisung der 2 000 Kirchenbesucher“ auf dem Marktplatz.

    Ja und was habt Ihr derzeit doch für einen schönen Frühlingbeginn in Edmonton – solch einen Winter hätten wir uns hier in Berlin auch gewünscht…

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