Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe. Du aber bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels. Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus. Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden. Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer. Aber du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen! (Ps 22,2-6.12.20)
Liebe Schwestern und Brüder,
der 22. Psalm gilt als einer der dunkelsten Psalmen. Der erste Vers, den wir gebetet haben, ist das Gebet Jesu am Kreuz: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? Tatsächlich ist dieser Satz in seiner Schwärze nicht zu übertreffen. Es ist nicht mehr die suchende Frage: Gott, wo bist Du? Die Frage legt auch nicht das eigene Leiden in Gottes Hand: Gott, warum handelst Du so an mir? Nein, die Frage setzt die Einsicht voraus: Gott hat mich verlassen. Sinnlos. Ich bin ganz ausgeliefert an meine Feinde, an das Leiden und an den Tod.
Können Sie sich vorstellen, wie jemand dahin kommt, dass er sagen kann: Gott hat mich verlassen?
Wenn jemand seine ganze Habe verliert, seine Gesundheit, seinen Partner oder seine Kinder – könnte er dann sagen: “Gott hat mich verlassen.”? Hiob erging es so, ihm wurde alles genommen, was er war und was er hatte, wie es ihm zuvor von Gott gegeben worden war. Aber Hiob wagte es nicht zu sagen, Gott hätte ihn verlassen. Er sagte genau das Gegenteil! “Gott ist’s, der mein Herz mutlos gemacht, und der Allmächtige, der mich erschreckt hat; denn nicht der Finsternis wegen muss ich schweigen, und nicht, weil Dunkel mein Angesicht deckt.”, so spricht Hiob. Selbst das unübertreffbare Leiden Hiobs bedeutet für ihn nicht, dass Gott ihn verlassen hätte. Sondern es bedeutet für ihn, dass ihn Gottes Hand schwer drückt, dass er seufzen muss. Hiob ist das Vorbild des leidenden Gerechten. Als Gerechter ist er an Gott ausgeliefert.
Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? Das ist das Gebet Jesu am Kreuz. Es ist nicht das Gebet des Gerechten, der über Gottes schwere Hand klagt, die ihn drückt. Sondern es ist das Gebet desjenigen, auf dem die Sünde der Welt lastet. Christus, der ohne Sünde war, stirbt als Sünder und nicht als Gerechter. Er hat die Sünde auf sich genommen. Allein deshalb betet er, dass Gott ihn verlassen hat. Nicht sein Leiden, sondern die Sünde der Welt, die auf ihm liegt, trennt ihn von Gott, macht ihn zum Gottverlassenen. Wo war Gott, als sein Sohn nach ihm rief? Er war bei uns. Und ist es noch.
Der 22. Psalm nimmt eine hoffnungsvolle Wendung. In der Gottverlassenheit vertraut der Beter auf Gottes Gnade und Zuwendung, wie Gott seinem Volk auch zuvor schon geholfen hat. Wir müssen aufpassen. Oft wird in der Kirche versucht, die Passionszeit zu feiern, als würde Ostern nie kommen – als wüssten wir nicht, dass Christus auferstanden ist. Viele halten sich in der Passionszeit am Leiden Jesu fest und schwelgen darin. Das legt sich auch bei diesem Psalm nahe. Es scheint sehr leicht zu fallen, sich und sein eigenes Leiden mit dem Leiden des Psalmbeters zu identifizieren, eigenes Leiden als Gottverlassenheit zu deuten. Doch die Frage: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?, kann nicht mehr unsere Frage sein. Nie mehr. Gott hat uns die Frage entrissen, als sein Sohn dies am Kreuz fragte und für uns als Sünder starb.
Wir können den Psalm heute noch lesen als das Gebet Jesu am Kreuz und im Tod. Durch ihn erinnert uns Gott daran, dass er uns nicht mehr verlässt und niemals verlassen will. Nicht etwa, weil wir gerecht wären, wie Hiob. Sondern weil wir Sünder sind und sein Sohn unsere Sünde trägt, die allein uns von ihm trennen könnte. Gott ist bei uns. Dazu hat Gott Christus verlassen: Um bei uns sein zu können und nie mehr von uns zu weichen. Wir sind nicht mehr ausgeliefert, nicht an Leiden, nicht an Krankheit, nicht an den Tod – nie mehr. Das ist die Liebe Gottes zu uns in Jesus Christus. Amen.
Herr, unser Gott, in den dunkelsten Stunden unseres Lebens können wir darauf vertrauen, dass Du bei uns bist. Nicht Krankheit, nicht Leid, nicht Armut und nicht Tod können uns mehr von Dir trennen. Führe uns in dieser Gewissheit in ein Leben voller Freude und Dankbarkeit. Lass uns mit ganzem Herzen und mit ganzem Gemüt auf Deine Liebe und Zuwendung vertrauen, die uns niemals mehr alleine lässt. Sei bei denen, die zweifeln und stehe denen bei, die verzweifeln. Sei bei denen, die trauern, sei bei den Angehörigen der Opfer des Flugzeugabsturzes in Frankreich. Sei bei den Verantwortlichen in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft, dass ihre Entscheidungen dem Wohl der Menschen zugute kommen. Sei bei allen, die in Deiner Kirche Dienst tun, die zu Deiner Ehre musizieren, die Dein Wort verkündigen und die Dich in ihrem Alltag bezeugen. Stärke sie in ihrem Dienst, dass Dein Evangelium überall auf der Erde auf fruchtbaren Boden falle und alle Menschen zu Dir ziehe. Darum bitten wir Dich durch Jesus Christus, Deinen Sohn und unseren Bruder. Amen.